AllgemeinKonzepte

Shortselling – was bringen Leerverkäufe?

Immer wieder liest man von “gefährdeten” Aktien, bei denen ein hoher short interest besteht, das heißt, dass hier viele Aktien leer verkauft wurden. Hier ist also eine hohe Zahl von Marktteilnehmern der Meinung, dass der Aktienpreis gegenwärtig zu hoch ist. Aber heißt das auch, das der Preis fallen wird?

Leer verkaufen – wie funktioniert das?

Leerverkäufer verkaufen Aktien, die sie gar nicht besitzen. Dafür müssen sie die Aktie zunächst auf eine bestimmte Zeit von einem Aktienbesitzer ausleihen. Das Problem ist nur, dass sie diese Aktien auch wieder zurückgeben müssen.

Wenn also bspw. 25% einer Aktie leerverkauft sind, dann heißt das, das eine ganze Menge Menschen darauf spekulieren, dass diese Aktie im Preis fallen wird. AAABER es heißt gleichzeitig auch, dass diese Aktie zu 25% überverkauft ist, sprich: für je 100 Aktien gibt es 125 Leute, die einen Anspruch darauf haben.

Leerverkauf: schematische Darstellung

Man kann es sich genauso vorstellen wie ein überbuchtes Flugzeug. Die Fluggesellschaft (hier: die Leerverkäufer) haben 125 Tickets verkauft, hat aber nur 100 Sitzplätze. Und wenn der Abflugzeitpunkt näherkommt, können sie entweder das Glück haben, dass 25 Passagiere von ihrem Flug zurücktreten – oder sie müssen einzelne Passagiere dafür bezahlen, dass sie auf ihrem Flug verzichten oder einen späteren Flug nehmen. Im letzteren Fall wäre der spätere Flug allerdings auch wieder ausgebucht, und die Spekulation beginnt von neuem.

Geld verdienen mit Leerverkäufen

Leerverkäufe sind, wie man sieht, eine sehr riskante Angelegenheit. Welche Szenarien können eintreten, in denen sich Leerverkäufe lohnen?

  • Unternehmen erreichen die an sie gestellten Erwartungen nicht bezüglich Performance. Investoren verkaufen die Aktie, um in lukrativere Unternehmen zu investieren. Da die Leerverkäufer schon eine Vielzahl williger Investoren bedient hat, ist das Interesse an der Aktie zusätzlich reduziert und die neuen Verkäufer können nur mit Abschlag verkaufen. Der Preis sinkt.
  • Unternehmen erfüllen Compliance-Anforderungen nicht. Sollten Unternehmen gegen externe Vorgaben oder interne Verpflichtungen (gemäß ihrer ESG-Erklärung) verstoßen, so kann dies bedeuten, dass se die Investment-Kriterien verschiedener Fonds nicht mehr erfüllen. Diese Fonds wären gezwungen, diese Aktien zu verkaufen.
    Zudem führen Compliance-Verstöße regelmäßig zu hohen Strafzahlungen (siehe Deutsche Bank) oder können im extremsten Fall zum Entzug der Geschäftserlaubnis führen (was früher im Jahr bei Wirecard zur Debatte stand).
  • Technische Verkäufe. Sollte der Kurs eine Aktie unter einen technisch relevanten Wert fallen (zum Beispiel unter die 200-Tage-Linie, die 50-Tag-Linie, vorherigeTiefs, oder “große Zahlen”, so können hierdurch technische Verkäufe ausgelöst werden. Viele automatisierte Tradingstrategien basieren auf Charttechnik, daher werden durch solche Chartereignisse weitere Verkäufe ausgelöst, die bestehende Trends verstärken.
  • Stop-Loss-Orders (“Schwache Hände”). Finanzprodukte wie CFDs und Knock-Out-Optionen werden von immer mehr Privatanlegern eingesetzt. Zudem gibt es eine Vielzahl von Börsenbriefen, die Investoren definierte Stop-Loss-Schwellen für ihre Investments empfehlen. Hierdurch entstehen weitere trendverstärkende Ideen. Je tiefer ein Kurs fällt, umso mehr Stop Loss Schwellen werden getroffen und umso mehr zusätzliche Verkäufe werden ausgelöst, sei es, weil Marginanforderungen nicht mehr erfüllt werden können (CFDs), oder weil Knock-Outs getroffen werden und Absicherungen aufgelöst werden, oder weil Investoren machen, was ihnen der Börsenbrief-Experte geraten hat.

Gerade der immer höhere Automatisierungsgrad der Portfoliosteuerung und das immer stärker angepriesene Risikomanagement sind effektive “Relaisstationen”, um eine abwärtiges Signal immer weiter zu treiben. Daher kann davon ausgegangen werden, dass gerade in handelsschwachen Zeiten Shortseller ihre Chance suchen, mit relativ wenig Aufwand eine wahre Lawine loszutreten.

Geld verlieren mit Leerverkäufen

Natürlich kann es auch ganz anders laufen. Wenn die Annahmen der Leerverkäufer nicht aufgehen, das heißt, dass die wirtschaftliche Performance besser war als erwartet, oder die technischen Schwellen schneller zurückerobert werden als erwartet, dann kann es leicht zum Short Squeeze kommen. Denn nun müssen die Leerverkäufer schnell Aktienhalter finden, die ihre Papiere abzugeben bereit sind. Und das werden diese in der Regel nur zu höheren Preisen tun.

Daher kann es bei Aktien, die stark leerverkauft sind, auch sehr schnell zu positiven Preissprüngen kommen. Beispiele hierfür waren am vergangenen Donnerstag zum Beipiel Leoni oder Evotec.

Und was heißt das jetzt für mich?

Hin und wieder kommt es vor, dass starke Marktbewegungen und Trends fundamental völlig unbegründet erscheinen. Hier gilt dann genauer hinzusehen. Denn vielleicht gibt es auch tatsächlich Gründe, die einfach auf der ersten Blick nicht ersichtlich sind.

Eventuell gibt es aber auch tatsächlich einfach keinen Grund für die Neubewertung der Aktie, sondern einfach nur eine gewisse Gruppe von Marktteilnehmern, die aus verschiedenen Gründe gezwungen sind, eine Aktie zu verkaufen. Wenn dem so ist, dann bieten sich echte Einstiegsmöglichkeiten.

Auf der anderen Seite gibt es auch verschiedene Instrumente, die es Privatanlegern ermöglichen, auf fallende Kurse zu setzen. Sie können zum Beispiel auf Put-Optionen setzen oder Aktien mittels (Mini-)Futures oder CFDs auch selber leerverkaufen. bei diesen Produkten werden in der Regel nur finanzielle Ausgleichgeschäfte geliefert.

Allerdings werden Privatanleger selbst wohl eher nicht in der Lage sein, einen Kurs “über die Klippe” zu schieben, daher können sie nur darauf spekulieren, dass andere “Shorties” hier ebenfalls eine Chance sehen oder dass der Markt hier tatsächlich fundamental daneben liegt bezüglich Performance oder der Auswirkung von Regelverstößen.

Dabei sollte man jedoch stets vor Augen haben, dass es für jeden Short-Investor mindestens zwei Marktteilnehmer gibt, die diese Aktie gekauft haben.

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